MELANIE MARIE REICHERT

weiße Hexe Attersee

Meine Weihnachtsgeschichte für Dich

Wie jedes Jahr schlenderte das kleine Wesen Xmas hektisch durch die Straßen. Es war ein sehr wichtiges Wesen für die Vorweihnachtszeit. Seine Arbeit begann schon Anfang September und endete an Heiligabend. Es war zuständig dafür zu sorgen, dass die Menschen ganz viel Geld für Weihnachtsgeschenke, Essen und Dekoration ausgaben. Alles was das kleine Xmas kreierte, war bunt, vielfältig und stets mit neuen Ideen gespickt. Es verbreitete Hektik und das Gefühl von Mangel, sodass die Menschen alles dafür taten, noch mehr zu bekommen. Alles musste neuer, innovativer und schneller sein. Die Musik, die das kleine Xmas mitbrachte, war schnell, laut eindringlich oder lustig. In den letzten Jahrzehnten hatte das kleine Xmas einen sehr guten Job gemacht. Doch dieses Jahr war alles anders….

In einer Straße, saß ein anderes kleines Wesen, das kleine Advent, unter einem großen, beleuchteten Christbaum. Unter dem Baum war eine Krippe aufgebaut. Die in Lebensgröße geschnitzten Figuren Maria, Josef, der Esel und das Rind, die Hirten mit ihren Schafen waren dort versammelt. Nur das Jesuskind fehlte noch. Das kleine Advent saß auf einer Mauer, die Ellenbogen auf die Knie und das Gesicht in die Hände gestützt. Es schaute gedankenverloren auf den vom Schnee leicht angezuckerten Boden und ließ die letzten Jahre in Gedanken revue passieren. Er war in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, die Aufgaben zu erfüllen, die das kleine Advent ausführen wollte. Es war zuständig dafür zu sorgen, dass die Menschen ruhig und besinnlich wurden, sich auf das Geburtstagsfest des Sohnes Gottes besannen und die Liebe in den Familien wieder Einzug hielt. Das kleine Advent hatte viele Häuser besucht. In manchen war es willkommen und fühlte sich dort auf Anhieb wohl. Die Häuser waren liebevoll mit Tannenzweigen, Kerzen und Strohsternen geschmückt und der Duft von Keksen, Zimt, Orangen und Weihrauch erfüllte die Stuben. Hier und da wurden Weihnachtsgeschichten gelesen oder Weihnachtslieder gesungen. Doch dieses Jahr war alles anders…

Eine unbekannte Stimme riss das kleine Advent aus seinen Gedanken. „Na, hast du auch nichts zu tun?“ Das kleine Advent erhob seine Augen und erblickte in ein von Enttäuschung gezeichnetes, blasses Gesicht. Das Wesen, das vor ihm stand, hatte eine rote Zipfelmütze auf seinem Kopf und trug eine rote Jacke mit einem weißen Saum. Die Füße steckten in schwarzen schmalen Stiefeln, und erinnerten an die Siebenmeilenstiefel des Däumlings. „Wer will das denn wissen?“ fragte das kleine Advent neugierig. „Du kennst mich nicht?“ erwiderte das kleine Xmas erstaunt. „Jeder auf dieser Welt kennt doch Xmas!“ Das ist es also! Ich hab mich immer gefragt, wie es ausschaut, dachte das kleine Advent. „Setz dich doch“. Das kleine Advent klopfte mit seiner rechten Hand neben sich auf die Mauer. Seufzend ließ sich das kleine Xmas neben dem kleinen Advent nieder. „Wo kommst du denn her?“ fragte das kleine Advent. „Ich reise durch die Welt und war jetzt in vielen Ländern, Städten und Straßen. Es ist zum Verzweifeln! So wenig Menschen, wie nie zuvor, sind unterwegs. In manchen Orten sind sogar die Kaufhäuser geschlossen. Die Menschen besuchen nur noch die Supermärkte. Und dort gehen sie eilig durch die Gänge, erledigen nur das Nötigste und eilen mürrisch wieder nach Hause. Alle wirken lustlos und deprimiert. Ich schaffe es nicht mehr, die Menschen dazu zu bringen, ihr Geld für überflüssige Dinge auszugeben. Ich kann sie nicht mehr antreiben, damit sie vor lauter Hektik nicht mehr nachdenken können.“

„Das ist also deine Aufgabe? Dann hast du es wirklich schwer in diesem Jahr.“ In der weichen Stimme des kleinen Advent konnte man einen Hauch von Mitleid wahrnehmen. „Und bei dir?“ erkundige sich das kleine Xmas. „Es ist auch für mich alles anders. Die Menschen haben sich verändert. Sie wirken geschwächt, hilflos, antriebsschwach und freudlos. Ich weiß nicht, welches Wesen jetzt hier sein Unwesen treibt. Die Menschen sind zerstritten. Es gibt zwei Lager. Bis in die Familien hinein sehe ich die Spaltung. Auch in den Familien, die ich die letzten Jahre besucht habe. Sie beschimpfen sich, und viele verachten einander. Sie scheinen die Botschaft der Weihnacht vergessen zu haben. Es ist alles sehr traurig!“ „Ja, wenn das so weitergeht, wird deine Weihnacht und mein Xmas sterben“ hauchte das kleine Xmas mit leiser Stimme.

Immer mehr Schneeflocken fielen vom Himmel. Die schwarzen Stiefel des kleinen Xmas waren schon mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Eine Weile saßen die beiden kleinen Wesen schweigend nebeneinander als plötzlich eine sanfte Stimme aus der Dunkelheit zu hören war. „Wie ich sehe, könnt ihr Hilfe gebrauchen“. Das kleine Advent und das kleine Xmas blickten in die Richtung, aus der die Stimme kam. Doch die Dunkelheit verhüllte alles. Das Einzige, was die beiden entdecken konnten, war ein schwacher Lichtkreis zwischen den Figuren an der Krippe, die unter dem Christbaum standen. „Kommt! Folgt mir!“ fordere die Stimme sanft. „Was meinst du? Sollen wir da mitgehen?“ fragte das kleine Xmas. „Ja, was sollen wir denn sonst machen. Unser Job scheint ja dieses Jahr erledigt zu sein“, erwiderte das kleine Advent traurig. Die beiden Weihnachtswesen sprangen von der Mauer, schüttelten sich den Schnee von der Kleidung und folgten dem kleinen Lichtkreis. Der Weg führte die beiden durch die Straßen der kleinen Stadt. Überall hingen Lichterketten und es gab auch einige beleuchtete Tannenbäume, die an den Häusern lehnten. Doch die Straßen waren leer gefegt. Niemand war da, der diese Lichterpracht beachtete. Der kleine Lichtkreis wanderte zügig Richtung Stadtrand. Die beiden Weihnachtswesen folgten schweigend dem Licht. Nach einer Weile erreichten sie einen Waldrand. Plötzlich blieb das kleine Xmas stehen. „Ich war noch nie in einem Wald“. „Komm, es wird dir gefallen“ entgegnete das kleine Advent. Nachdem sie eine Weile durch den dichten Wald gegangen waren, erreichten sie eine riesengroße Lichtung. Der Lichtkreis bewegte sich nicht mehr. Er vergrößerte seinen Kreis, bis die ganz Lichtung ausgeleuchtet war. Die beiden kleinen Weihnachtswesen blieben stehen. Ungläubig blickten sie auf die Szenerie, die sich vor ihren Augen auftat.

Alte, Junge, Kinder, Männer und Frauen standen auf der Lichtung und schauten die zwei Weihnachtswesen an. Eine unsichtbare, wohlige Welle umspülte die beiden, eine Welle der Wärme, Zartheit und Geborgenheit. Bewegungslos standen sie eine Weile einfach nur da. Es war das kleine Xmas, das als erstesseine Sprache widerfand. Mit leiser, tief berührter Stimme fragte es: „Wer seid ihr? Und wo sind wir?“ Eine alte Frau trat aus der Menge heraus und kam langsam auf die zwei Weihnachtswesen zu. Ihr Gesichtsausdruck war voller Wärme und Güte, und gleichzeitig strahlte sie eine unglaubliche Würde aus. Lange weiße Locken umspielten ihr faltiges Gesicht.

 „Wir leben in einer anderen Welt. Ich selbst habe schon das erste Weihnachtsfest erlebt und über 2000 Weihnachten aus unserer Welt die Erde beobachtet. Es gab schöne, traurige, schreckliche und von Wundern begleitete Weihnachten. Als wir euch heute auf der Mauer sitzen sahen, wurde uns klar, dass es jetzt anderes ist, als all die Jahrhunderte zuvor. Alles, was den Menschen ausmacht, scheint von der Erde zu verschwinden: Stolz, Zusammenhalt, Würde, Eigenverantwortung, Kraft, Glaube und Zuversicht. Und vor allen Dingen steht das Wichtigste in Gefahr, ausgelöscht zu werden.“ Die alte Frau blickte gütig auf die beiden Wesen. „Was meinst du?“ fragte das kleine Xmas ganz benommen. Bevor die alte Frau etwas sagen konnte, antwortete das kleine Advent mit leiser, brüchiger Stimme: „Die Liebe“. „Ja, die Liebe zu sich selbst und den Mitmenschen“ ergänzte die Alte. „Eure alten Aufgaben, die ihr bisher zur Weihnachtszeit erfüllt habt, sind erledigt. Wenn ihr noch etwas tun wollt, braucht ihr beide eine gemeinsame Aufgabe.“ Das kleine Advent und das kleine Xmas schauten sich an. Obwohl sie in den letzten Jahrzehnten auf irgendeine Weise Konkurrenten waren, fühlten sie jetzt eine seltsame Verbundenheit. „Ja, wir sind bereit. Was können wir tun?“

„Streckt mir eure Hände entgegen“ forderte die alte Frau auf. „Wir alle geben Euch jetzt das eigentliche Wunder der Weihnacht, die Liebe.“ Die kleinen Weihnachtswesen öffneten ihre Hände. „Jetzt könnt ihr zu den Menschen zurückgehen. Verteilt die Liebe in den Herzen der Menschen. Es gibt nur noch diesen einen Weg. Wenn der Mensch verstanden hat, dass das Glück, die Zufriedenheit, die Gesundheit und die Macht nur in ihm selbst zu finden ist, und nicht im außen, er selbst für sich verantwortlich ist, und entdeckt, wie einzigartig und wundervoll er ist, dann – ja dann – kann er beginnen zuerst sich selbst zu achten und zu lieben. Danach wird er auch wieder in der Lage sein, die anderen Menschen zu achten und zu lieben. Die Menschen in diesen Zeiten glauben, dass schlimme, böse Dinge ansteckend sind. Doch ihr könnt ihnen zeigen, dass auch das Wundervollste ansteckend ist. Streut Liebe in ihr Herz und es wird ansteckend sein.“

Kaum hatte die alte Frau gesprochen, verschwanden alle, die Alten und Jungen, Kinder, Männer und Frauen vor den Augen der beiden Weihnachtswesen. Der Lichtkreis wurde kleiner und bewegte sich wieder Richtung des Waldweges, auf dem sie hergekommen waren.

Und so machten sich das kleine Advent und das kleine Xmas auf den Weg zurück zu den Menschen. Das kleine Advent war total aufgeregt. Es freute sich, endlich wieder eine Aufgabe zu haben, und dann auch noch so eine wichtige! Das kleine Xmas durchbrach abrupt seine Gedanken. „Glaubst du, wir werden Erfolg haben? Du bist ja schon geübt darin, Liebe zu bringen. Für mich ist das alles ungewohnt und neu. Und deine Weihnachtsbotschaft hat ja zumindest dieses Jahr auch nicht wirklich funktioniert“ sinnierte das kleine Xmas. „Klar werden wir Erfolg haben! Ich habe die Weihnachtsbotschaft den Menschen gebracht, aber dieses Wesen, das jetzt gerade sein Unwesen auf der Erde treibt, hat die Menschen blind gemacht. Aber jetzt werden wir die Liebe direkt in die Herzen der Menschen pflanzen. Die Liebe für sich selbst. Nur die kann das Wunder vollbringen, ansteckend sein um die Liebe dann auch auf alle Mitmenschen zu verteilen. Wir bringen den Menschen wieder den Blick auf sie selbst und ihre Würde und Einzigartigkeit.“ Das kleine Advent war voller Zuversicht und Vorfreude. „Ja, aber ich habe so etwas noch nie gemacht. Ich weiß nicht, ob ich Erfolg haben werde“ erwiderte das kleine Xmas traurig. „Gerade du wirst Erfolg haben! Die Menschen, die bisher auf dich gehört haben, brauchen die echte Selbstliebe am meisten! Genau die sehnen sich doch danach! Sie haben das in den letzten Jahren doch alles nur gemacht, weil ihnen die Liebe zu sich selbst fehlte. Außerdem sind wir jetzt ein Team! Zusammen schaffen wir das! Genau wie die Menschen es zusammen schaffen werden.“

Die beiden Weihnachtswesen hatten die Stadt erreicht. Sie blieben stehen und schauten sich lange an. Beide spürten die tiefe Liebe, die sie in sich trugen. „Danke! Für alles!“ presste das kleine Xmas mit erstickter Stimme hervor und reichte dem kleinen Advent seine Hand. Das kleine Advent strahlte! „Lass uns gehen. Diesmal arbeiten wir auf die gleiche Art. Keine Ablenkung mehr auf das Äußere. Wir gehen direkt zu den Menschen und berühren ihr Herz.“

Hier trennten sich ihre Wege. Und jedes der beiden ging leise und behutsam in jedes Haus und legte seine kleine Hand auf die Herzen der Menschen. Sie werden es spüren. Und wenn die Menschen diese Liebe zulassen, wird es eine ungewöhnliche, wundervolle Weihnacht!   

Melanie Marie Reichert, Dezember 2021